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weisser Staub

Er geht einfach weiter. Schaut nicht zurück. Der hohe Straßenrand, auf dem er geht, ist weiß von Staub. Weiß sind auch die Haare vom alten Franz. Kurz, selten, aber weiß. Gerade, ungebückt sein Gang. Keine Spur von Altersmüdigkeit. Der Blick klar, die Augen voller Glanz.
Einfach durch die Menschenströme geradeaus. Männer und Frauen, junge wie alte, im Gedränge der Medienstadt. Papierne Fähnchen, bunt wie Luftballons im Karneval, schweben zwischen und über den Häuptern. Manchmal auch schwarz am Boden. Ruhig dann, hin und hergeschoben von Stiefeln und Schuhen, vielleicht.
Er geht einfach weiter. Mitten durch die Enge. Nichts hält ihn. So wie es immer gewesen war. Keine Ruhe, keine Geduld, nicht warten. Dafür war später noch Zeit. Der alte Franz, der kleine Mann vom Land, konnte nicht stillstehen. Mußte immer weiter. Hatte stets viel zu tun, wollte immer viel erreichen. Immer voran, kein zurück.
Omnibusse, Automobile, Rauch und Hupenklänge. Seitwärts am Straßenrand, hoch über allem, geht er vorbei. Wohin kann man raten. Immer weiter und weiter. Kein Schritt ist für ihn zuviel. Stehenbleiben kommt nicht in Frage. Stehen, bleiben, ruhen, ist wie Tod. Der aber kommt früh genug. Warten lohnt nicht.
Drei Geigen kreuzen seinen Weg. Schüchtern mit dünnen Streichen. Drei Russen in dünnen Hemden. Er wagt einen Haken, schlingert, findet wieder seinen Weg. Gerade und mittendurch. Stürmend erheben sich die Wolken. Der Regen spült die Fähnchen in den Rinnsal, der sich unter dem hohen Straßenrand verirrt. Das Toben und Schreien der Menschen erschallt noch kurz. Der Lärm verebbt. Der alte Franz geht weiter. Schaut nicht zurück.
Der Abendschein bricht herein. Die Menschenmassen sind nicht die gleichen. Nur das Brausen und schreien ähnelt sich. Der Staub ändert seine Farbe von weiß in schwarz. Rote Lampen schimmern von Balkonen, weiße aus großen Türmen. Dunkel trägt der Himmel den alten Franz. Dort geht er. Immer weiter. Und blickt nicht zurück.

2003
Eine Hommage an die Berlin-Gedichte von Georg Heym

 

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