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Wanderpause

Bernhard stützte sich auf seinen langen Wanderstab auf und atmete tief durch. Nach der langen Fußreise war eine kleine Pause nötig. Die Anstrengung war ihm anzusehen: Arme und Beine zitterten und seine Augen konnte der alte Druide auch kaum noch aufhalten.
Mit langsamen Bewegungen raffte er sich noch mal auf. Denn die Nacht nahte, und er wußte nicht, welche Gefahren ihm in diesem geheimnisvollen Wald erwartete. Ein sicherer Platz war nötig.
Schwerlich bewegte er seine dürren alten Knochen auf einen großen Baum zu, der im Inneren hohl schien. „Ein bißchen Moos und ein Weckzauber“, dachte der Druide, „dann dürfte dieser hohle Baum der ideale Platz für mein Nachtlager sein.“
Als er im Inneren des uralten Baumes stand, stutzte er. Er hatte plötzlich das Gefühl beobachtet zu werden. Nicht nur das! Als seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt waren, bemerkte er außerdem einen Schatten direkt vor ihm.
„Aah, du hast mich also endlich gefunden?“ sprach der Schatten zu Bernhard. „Das hat aber gedauert!“
Der alte Druide atmete erleichtert auf. „Bei Wotan, mußt du mich so erschrecken?“
„Aber Paps, ich bin es doch nur, dein kleiner Wulfie“, grollte es durch den Raum inmitten des Riesenbaumes.
„Von wegen klein. Das warst du mal. Jetzt bist du über zwei Meter hoch. Der größte Wolf, den die Welt je gesehen hat! Also, jetzt ab mit dir, und dann reite ich mit dir nach Hause. Schließlich bin ich nicht mehr der Jüngste. Du, und deine ewigen Versteckspiele.“
„Ist ja gut, Vater.“ Gehorsam kroch Fenris hinaus und ließ den Meisterdruiden auf seinem Rücken aufsitzen. Er verstand einfach nicht, daß, während er immer nur größer wurde, sein Ziehvater immer nur älter und gebrechlicher. Fenris seufzte und trottete los gen Asgard.

2000

Für Heidi Scorpia Koch, die mich mit ihrem Bild „Wanderpause“ zum gleichnamigen Prosatext inspiriert hat.