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der büchsenmacher

Von meinen ehemaligen Schulkameraden erwarte ich zumindest ein „Hallo“, wenn wenn wir uns zufällig auf der Straße, beim Friseur oder im Supermarkt treffen. Von Wilfried kam nichts. Er schien mich noch nicht einmal wahrzunehmen, als er in den Kiosk kam und mit langsamen Schritten zur Theke ging. Ich weiß nicht mehr, was er bei dem freundlichen Besitzer bestellt hat. Von meinem Platz an den Zeitschriften beobachtete ich ihn mit einem halben Blick zur Seite. Auch ich sagte nichts. Wilfried schien in seiner eigenen Welt zu leben. Er starrte zum Boden. Mein Gefühl sagte mir, daß ich ihn mit meiner direkten Art womöglich erschrecke.

Wir gingen gemeinsam zur Grundschule. Nicht nur, daß wir beide in einer Klasse waren, wir wohnten auch auf einer Straße. Fast täglich holte ich ihn auf dem Schulweg von zu Hause ab. Da dachte ich natürlich nicht darüber nach, was aus ihm einmal werden würde. Als unser Lehr uns einst fragte, welchen Beruf wir uns wünschten, antwortete er „Büchsenmacher“. Wir anderen Kinder lachten ihn aus. Wir wußten nicht, was das ist. Damals interessierte sich Wilfried eben für Gewehre. Im Verein war ich auch ein begeisterter Schütze. Wilfried war kein Mitglied dort.

Nach der Schule lehrte seine Mutter uns das wichtigste aller Gebete: das „Vaterunser“. Bis heute das einzige Gebet, daß ich wirklich beherrsche. Ob Wilfried mehr Gebete gelernt hat, weiß ich nicht. Nach der Schule sahen wir uns bis zum Kiosktreff nicht mehr wieder.

Später erfuhr ich, daß er geistig zurückgeblieben ist. Sein Vater war schon tot, als wir Kinder waren. Seine Mutter lebt inzwischen auch nicht mehr. Nur sein älterer Bruder kümmert sich um ihn.

Nach einigen Wohnungswechseln innerhalb unserer Gemeinde, lebe ich wieder auf der gleichen Straße wie er. Jeden Morgen um kurz nach sieben Uhr fahre ich an ihm vorbei. Wilfried steht immer an der selben Stelle und wartet. Mit gesenktem Kopf, auf den Boden starrend. Unscheinbar und entrückt. Hätte ich keine Erinnerungen an unsere gemeinsame Kindheit, würde ich ihn nicht wahrnehmen. Doch jeden Morgen frage ich mich: Auf wen wartet er? Wohin geht sein Weg? Ob er wohl „Büchsenmacher“ geworden ist?

 

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